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Chessy

Europamannschaftsmeisterschaft (MEM) U18
vom 9. bis 18. Juli 2004 in Belgrad

Infos und Details, Termine, Tabellen der Jungen und Mädchen,
Bericht von Bernd Vökler, Einzelergebnisse der Deutschen und Partien


Mannschaftseuropameisterschaft U18 in Belgrad
Bericht von Bernd Vökler

Nachdem das Turnier 4 Jahre recht erfolgreich in Balatonlelle ausgetragen wurde, vergab es die ECU im Jahre 2004 nach Serbien / Montenegro nach Belgrad/ Obrenovac. Die Mannschaftseuropameisterschaft wird bei den Jungen an vier und den Mädchen an zwei Brettern ausgetragen. Deutschland trat mit der Jugendolympiamannschaft 2008 an. Im Rahmen der Olympiabewerbung von Dresden für 2008 baut der Deutsche Schachbund langfristig eine zweite Mannschaft auf, die 2008 stark genug ist, das zweite Startrecht für Deutschland wahrzunehmen.

Bei den Jungen spielten wir mit dem internationalen Meister David Baramidze an Brett 1. Der Dortmunder erzielte kürzlich seine erste GM-Norm. Mit einer ELO von 2487 steht er an der Schwelle zur Weltspitze. Brett 2 wird von IM Arik Braun „verwaltet“. Auch ihm gelangen bereits ähnlich gute Performance-Leistungen in verschiedenen Turnieren. Er gehört mit der vierten Teilnahme bereits zu den Veteranen dieser Europameisterschaft. Am dritten Brett ist der Zittauer Falko Bindrich aufgestellt. Er erzielte beim Mitropa-Cup seiner erste IM-Norm. Nach Belgrad kam er direkt aus Budapest angereist. Dort spielte er im IM-Turnier eine hervorragende Rolle, auch wenn diesmal die Norm um eine halben Punkt verfehlt wurde. Brett 4 spielt der amtierende Deutsche Meister, Maximilian Meinhardt. Mit seiner guten Form und einer steigenden ELO-Zahl von 2330 sollte er zu guten Ergebnissen fähig sein. Edelreservist ist Ilja Brener. Der Berliner Junge spielt eigentlich nicht so gern gegen Kinder. Seine beiden IM-Normen rühren aus Turnieren mit Erwachsenen her. Als Joker soll er jedoch das vierte Brett aufmischen.

Die Mädels treten in folgender Besetzung an: Evgenija Shmirina aus Dresden spielt ganz vorn. Sie erzielte bei der Fraueneuropameisterschaft im Frühjahr sehr gute 50% und bekam sofort den Titel einer Frauen–IM verliehen. Melanie Ohme spielt Brett 2. Die DSJ-Spielerin des Jahres 2003 (damals Deutsche Meisterin, heuer Vizemeisterin) bekommt alleweil gute Kritiken und hat diese Bewährungschance wirklich verdient. Jasmin Laake ist als Reserve aufgestellt. Obwohl zur Deutschen verhindert, hat sie sich mit ihrem sensationellen 12ten Platz bei der WM 2003 für die Mannschaft empfohlen.

Zur Anreise: Am Freitag, dem 09.07. ging es von den verschiedenen Abflughäfen nach München zum Treffpunkt. Glücklicherweise waren noch am Morgen alle Visafragen geklärt, und es sollte nichts mehr schief gehen .... Sollte! Leider hatte einer unserer jungen Sportfreunde die Einladung nicht so genau genommen und versuchte die Einreise mit einem Personalausweis (Arik: ein Pass ist ein Pass!). Da die Serbische Förderation so kurz nach dem Kriegsende noch strengen Restriktionen unterworfen ist, bestand durchaus die Gefahr einer fristlosen Rückreise am Flughafen. Diese ganze Prozedur dauerte dann auch gute vier Stunden und konnte jedoch mit Hilfe des Organisators Vladimir Sakotic (noch mal Danke) und einer Zahlung von 50.- € Gebühren glimpflich geregelt werden. Im Hotel angekommen mussten wir einen weiteren Tiefschlag hinnehmen. Durch einige Absagen bedingt beliefen sich die Felder auf gerademal jeweils 7 Mannschaften. Vermutlich scheuten viele Förderationen die kostspielige Anreise. Warum jedoch kurzfristig auch noch der Titelverteidiger Ungarn, immerhin Nachbarland zu Serbien,absagte, bleibt unverständlich. Die deutsche Jungenmannschaft kam so in das zweifelhafte Vergnügen der Favoritenrolle.

Runde 1: Die Auslosung ergibt mit Tschechien einen starken Kontrahenten. Immerhin konnte uns diese Mannschaft noch im März in der Pulvermühle 7:5 bezwingen. Damals allerdings ohne David auf unserer Seite. Die Paarungen lassen spannende Kämpfe vermuten. David verteidigt sich Najdorf gegen Laznicka. Obwohl der Tscheche etwas drückt, bewegt sich das Spiel immer in der Remisbreite. Arik belagert die Auffangstellung von Bernasek geduldig. Hier eine Provokation, dort ein Bauernzug, letztlich kann Jan seine Stellung nicht mehr koordiniert verteidigen und verliert. Damit gleicht Arik den zwischenzeitlichen Rückstand aus. An Brett 3 hatte Falko zuviel riskiert und die gute Position verrissen. Somit kam alles auf das letzte Brett an. Maximilian Meinhardt musste erleben, dass die Tscheljabinsker Variante absolut lebensfähig ist. Sein Gegner Jan Priborsky verbesserte eine Bruzon-Partie und erlangte kleinen Vorteil. Durch präzise Attacken an beiden Flügeln zerschlug Maxi jedoch das schwarze Zentrum! Danach war der Gewinn ein Kinderspiel. Der wichtige 2,5 Sieg stellt die Weichen in Richtung Medaille. Die Mädchen sind gleich spielfrei. Abends wurde etwas analysiert. Arik verteidigte sein Konzept aus der Bernasek-Partie vehement, bis alle auf seine Position überschwenkten.

Runde 2: Gegen Serbien 2 erspielen wir ein glattes 4:0, Ilja spielt für Maximilian. Die Mädchen haben einen dicken Brocken. Die Slowakei gilt gerade im weiblichen Bereich als europäische Spitzenmannschaft. Evgenija Shmirina erzielt gegen Zuzanna Borosova keinen Eröffnungsvorteil. In der schottischen Partie plätschert das Spiel so dahin. Am zweiten Brett sieht sich Melanie Ohme einer unangenehmen Zugfolge im Paulsen-Sizi gegenüber. Lorenz Drabke, der selbst als Schwarzer so spielt, lobt die Wahl der Slowakin Veronika Malachova. Folgerichtig fährt sie den vollen Punkt ein. Jetzt ist es an Evgenija das Ergebnis erträglich zu gestalten. Mit Hilfe der FIDE-Bedenkzeit und ihrer Gegnerin gelingt ihr der Coup. Sie gewinnt ein remises Endspiel: Ergebnis 1:1 kann sich sehen lassen. Abends ist Volksfest in der Stadt. Die Jungen fahren Karussell und vergnügen sich auf dem Rummel. Die Mädchen spielen Karten. Mal sehen, wer besser auf die nächste Runde vorbereitet ist!?

Runde 3: Während der Vorbereitung kommt es fast zu einer Panne. Über den Computern vertieft, vergessen wir die Mannschaftsänderung abzugeben. Gerade noch rechtzeitig reiche ich die Korrekturen im Turnierleiterbüro nach. Die Mädchen werden von Zipperlein geplagt. Melanie klagt über Bauchschmerzen, deren Ursache ich im Leitungswasser in Verbindung mit der Hitze vermute. Jasmin`s Sehkraft beeinträchtigt ein Gerstenkorn. Hoffentlich kommen wir ohne Notarzt über die Runden! In dem Zusammenhang noch ein paar Worte über die Ausrichtung. Das Hotel versprüht den dezenten Charme eines FDGB-Ferienheimes der achtziger Jahre (ohne Renovierung versteht sich). Konzipiert für bis zu 400 Gäste verlieren sich 50 Schachspieler in Restaurant, Foyer und Bar. Das benachbarte Freibad ist gewöhnungsbedürftig, einen Fußballplatz gibt es nicht. Das Essen ist reichlich. Als Freigetränk wird jedoch Leitungswasser in Mineralwasserflaschen kredenzt! Leider merkten wir dies erst zu spät! Die Zimmer siehe oben, leicht vergammelte Duschvorhänge, abgerissene Leisten an Türen und Schränken, verrostete Armaturen, sechsbeinige Mitbewohner ... Sicherlich kann man von einem Land, dass sich bis vor wenigen Jahren noch in einem Bürgerkrieg befand, nicht mehr erwarten, die ECU sollte jedoch ihre Vergabepraktiken überdenken. Tschechien hat bereits jetzt seinen Verzicht für 2005 erklärt und ich werde selbiges dem Präsidium des Deutschen Schachbundes vorschlagen. Damit droht eine gut gedachte Meisterschaft zur Farce zu werden! Zum schachlichen Geschehen: Die Jungen gewinnen 4:0 gegen Bosnien, Arik setzt aus. Die Mädchen unterliegen Slowenien mit 2:0. Evgenija behandelt ihren Stonewall recht eigenartig und gerät in eine perspektivlose Position. Jasmin hat eine Superchance in der Eröffnung ausgelassen. Danach kämpft sie gegen das Läuferpaar für eine verlorene Sache.

Runde 4: Die Jungen sind spielfrei. Ich habe einen örtlichen Fußballklub aufgesucht und nach Spielmöglichkeiten gefragt. Das erste Problem bestand darin, eine gemeinsame Sprache zu finden. Dann stellte sich heraus, dass der Platz renoviert wird, auf den Bolzplatz wollte uns der Chef zuerst nicht lassen, der Oberchef hat das dann genehmigt, aber der Klub hatte keinen Ball! für uns! Man stelle sich einen Schachklub vor, in dem ein Besucher aufgefordert wird, seine Figuren selbst mitzubringen. Durch den Einsatz von 20.- € lies sich das Problem lösen, und wir konnten schön kicken. Die Mädchen spielten unentschieden 1:1, Wieder gewann Evgenija. Diesmal in einer souverän geführten Partie. Leider konnte Jasmin die Vorlage nicht aufgreifen und erlitt eine unnötige Niederlage. Vor dem Kampf der Jungen gegen Slowenien gibt es eine Mannschaftssitzung. Ich war mir über die Aufstellung an drei und vier nicht klar. Immerhin spielen im slowenischen Team auch drei der vier Spieler des Mitropa-Cup. Ich entschied mich für Falko mit Weiß an drei und Ilja mit Schwarz an vier.

Runde 5: Der Kampf für Silber beginnt. David spult eine wohlbekannte Variante im Spanisch herunter. Das ganze Konzept versandet, wie bei vielen Vorbildern, im Remis. Arik folgt einer Partie Korneev-Graf in eine bequeme Endspielstellung. Durch geschickte Manöver dringt sein König über das Zentrum in die gegnerische Stellung vor. Er schlägt das Remisangebot aus und krönt mit einem Springeropfer die hervorragende Leistung. Damit können wir getrost die restlichen zwei Bretter betrachten. Falko ist die ganze Zeit am Drücker und gewinnt im Turmendspiel sogar einen Bauern. Wie das mit Turmendspielen so ist, reicht dieser jedoch nicht! Remis. Ilja hat theoretischen Vorsprung, den er in Zeitvorsprung umwandelt. Sein Kontrahent versucht aus der schlechten Position etwas Gegenspiel herauszuquetschen, gerät nur noch mehr in die Krise. Mit großen Zeitproblemen und verlorener Stellung resigniert er. Ein schöner 3: 1 Sieg sichert uns Silber und ebnet den Weg für einen Kampf um Gold mit den ebenfalls verlustpunktfreien Rumänen! Die Mädchen verlieren 0,5:1,5 gegen Tschechien. Wieder holt nur Evgenija Zählbares. Melanie, der es wieder besser geht, kann einfach den Druck ihrer Gegnerin nicht abschütteln.

Runde 6: Der große Showdown beginnt. Obwohl danach noch eine Runde kommt, rechne ich mit einer Vorentscheidung im Kampf um Gold. Endlich kommt David mal in einer „untheoretischen“ Stellung zum Spielen und ich bin optimistisch. Arik geht höchstes Risiko und wird glücklicherweise belohnt. Ilja kann mit Weiß spielend einen Tempoverlust seines Gegners nicht bestrafen und klammert auf meine Weisung Remis. Maximilian kassiert die angebotene Dame für drei Figuren und steht sehr gut. Eigentlich sieht es nach mindestens 3:1 aus, aber David willigt in eine Zugwiederholung ein und Max gerät stark unter Druck. Beim Stande von 2:1 für uns erhält er unverhofft eine Remischance aufgrund der falschen Läuferecke, die er sofort ergreift! Mit diesem 2,5 Sieg ist der Titel faktisch sicher. Bei den Mädchen gelingt wieder nur Evgenija der Punkt. Am Abend spiele ich Fußball und werde bestraft! Bänderdehnung und Schmerzen verhindern die Nachtruhe sowie die Exkursion nach Belgrad am freien Tag. Zur Exkursion komme ich dann doch noch, da ich die Vorzüge des serbischen Gesundheitssystems testen darf. In der Röntgenabteilung der Unfallklinik wird unbürokratisch und rustikal gearbeitet. Für die Auskunft, dass nichts gebrochen ist, muss ich noch nicht mal bezahlen!

Runde 7: Ein schnelles Unentschieden zwischen Slowenien (3.) und Rumänien (2.) sichert uns Gold! Dadurch etwas abgelenkt, schaffen wir auch nur 2:2 gegen die Gastgeber; aber egal! Deutschland ist Europameister U18! Aus der geschlossenen Mannschaft ragt natürlich Topscorer Arik Braun heraus, dessen 4,5 aus 5 ihm eine 2630 Performance beschert. Damit hat sich meine Prophezeiung bestätigt: Falls wir Arik am Flughafen durch die Sperre kriegen, sollte dies als Zeichen für Gold ausreichen! Die Mädchen werden vom Europameister Serbien zerlegt und landen unter Wert auf dem siebenten Platz. Das zweite Brett konnte leider nie zum Ergebnis beitragen.

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© 1.98 by Gerhard Hund (TeleSchach) für die DSJ in der Deutschen Sportjugend | Update 23.07.2004