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Chessy

DSJ - FORUM
Ausgabe 2001 - 10


Welche Aufgaben haben die Jugendverbände?

Vor einigen Wochen fand man auf den Internetseiten www.schach.com einen Alarmruf des Vorsitzenden der Schachjugend Nordrhein-Westfalen, der sich in eine einseitige Aufgabenrichtung gedrängt sah, sich nämlich in der Jugendarbeit nur am Leistungsgedanken zu orientieren.

Wie konnte es dazu kommen?

Ganz einfach. Der Sächsische Schachverband, der ja vor Jahren schon seine Schachjugend mit den vielfältigen Aufgabengebieten, die eine Schachjugend nun einmal hat, auflöste, hatte in seinem Leistungssportbereich ein Papier zur Situation der Deutschen Jugendmeisterschaften entwickelt und an der Deutschen Schachjugend vorbei in einem Gremien des Deutschen Schachbundes zur Diskussion gebracht.

Das FORUM stellt mit den

Möge jeder selbst dann für sich entscheiden, in welche Richtung er neigt.

1) Das Papier aus Sachsen wurde in der sächsischen Leistungssportkommission diskutiert und vom Leistungssportreferenten Oswald Bindrich formuliert. Es trifft Aussagen zu allen Deutschen Jugendmeisterschaften und zur Beschickung der Europa- und Weltmeisterschaften im Jugendbereich durch den Deutschen Schachbundes.

Die Kernaussagen betreffend der Deutschen Jugendmeisterschaften lauten:

Die DSJ ist schon einmal von Sachsen aufgefordert worden, die Einzelmeisterschaften hinsichtlich oben genannter Forderungen umzugestalten. Die Herbsttagung 2000 in Hamburg diskutierte diese Fragen ausführlich und entschied, sich den Forderungen nicht anzuschließen.

2) Was bewog die Schachjugenden, den Forderungen nicht nachzukommen?

Wie immer lohnt es sich, in die Konzepte und Beschlüsse der Deutschen Schachjugend zu sehen, zum Beispiel in das Grundsatzkonzept der DSJ, beschlossen auf der Jugendversammlung 2000 in Dresden:

Kapitel I des Grundsatzkonzeptes:

Die schachsportliche Arbeit besteht aus dem Spielbetrieb und dem Leistungssport.

Der Spielbetrieb wird auf allen Organisationsstufen des Jugendschachs angeboten und ist die Klammer für die Kinder und Jugendlichen über die Vereine, die Landesschachjugenden bis zur Deutschen Schachjugend. Die Leistungssportarbeit wird hingegen hauptsächlich in den Vereinen und den Landesschachjugenden als wichtige Vorstufe der Leistungssportarbeit des Deutschen Schachbundes betrieben. Mit ihr wird gezielt ein kleiner Ausschnitt des gesamten Jugendspektrums der Deutschen Schachjugend angesprochen. Diese Arbeit hat eine große Ausstrahlung auf Jugendliche außerhalb und innerhalb der Deutschen Schachjugend.

Mit den Angeboten des Spielbetriebes werden die Kinder und Jugendlichen über die Vereine und die Ebenen der Landesschachjugenden motiviert, sich unter Wettbewerbsbedingungen im Schachsport zu messen. Dabei soll der Spielbetrieb auf unterer Organisationsebene so regelfrei wie möglich angeboten werden, um den Jugendlichen die Teilnahme unbürokratisch zu ermöglichen. Auf den höheren Organisationsebenen lässt sich jedoch eine stärkere Reglementierung nicht vermeiden.

Das Meisterschaftssystem der Deutschen Schachjugend bildet den Einstieg in den Leistungssport. Die Meisterschaften für die jüngeren Altersgruppen führen die Jugendlichen an den Wettkampfsport heran und dienen der Talentsichtung und Talentfindung. Sie werden daher auch mit großen Starterfeldern gespielt. Bei den älteren Altersklassen hingegen werden die Teilnehmerfelder kleiner und die Meisterschaften leistungsorientierter.

Dieser Aufbau gilt sowohl für den weiblichen als auch für den männlichen Bereich. Dabei ist die Deutsche Schachjugend bestrebt, Mädchen und Jungen gleichermaßen zu fördern und sie möglichst früh an den Schachsport heranzuführen.

Die Länder bilden mit ihren Meisterschaften und ihrer Kaderförderung den unverzichtbaren Unterbau für den Spielbetrieb und für den Leistungssportbereich des Deutschen Schachbundes.

Getreu dem föderativen Grundgedanken der Bundesrepublik Deutschland haben die Landesverbände die Möglichkeit der individuellen Ausgestaltung des Spielbetriebes. Das Ausnutzen dieser Möglichkeiten durch die Länder stärkt das Jugendschach in Deutschland durch eine Vielfalt der Spiel-formen.

Die Deutsche Schachjugend verpflichtet sich aufgrund ihrer Verantwortung gegenüber den Jugendlichen zum dopingfreien Sport.

Der erste Absatz von Kapitel II darf dabei nicht vergessen werden:

Kinder und Jugendliche finden den Zugang zum Schachsport aus unterschiedlichen Motiven. Sie suchen die Gemeinschaft unter Gleichgesinnten, die geistige Herausforderung durch das Schachspiel, die Herausforderung durch den Wettkampf. Die Vereine haben die Aufgabe, die Motivation der Kinder und Jugendlichen zu fördern und für alle Angebote bereitzuhalten. Kinder und Jugendlichen wollen gefordert und gefördert werden.

Die Kernaussagen der Grundsatzkonzeption der Deutschen Schachjugend sind also folgende:

Hinzu kommt, dass sich jedes Meisterschaftsangebot an andere Ansprechpartner und Gruppen der Organisation wendet und daher nicht mit der gleichen Messlatte vermessen werden darf.

So hat man mit den Deutschen Vereinsmeisterschaften gezielt die Arbeit in den Vereinen im Auge. Die Jugendarbeit soll mit ihnen entwickelt, gefördert und unterstützt werden.

Die Landesschachjugenden wiederum definieren ihre Ziele für die eigenen Länderauswahlkämpfe selbst, sie werden nicht von der DSJ vorgegeben.

Im Papier der Sachsen heißt es:

Der Leistungssport des Deutschen Schachbundes mag dieses Ziel haben. Und die Jugendlichen in den Vereinen verfolgen mit Begeisterung und Bewunderung den Werdegang und die Erfolge eines deutschen Spielers in der Weltspitze. Keine Frage! Die Deutsche Schachjugend jedoch hat ihre ca. 25.000 Mitglieder im Auge und ist bemüht mit ihren Programmen allen gerecht zu werden. Sie darf ihre zentralen Angebote nicht auf wenige ausrichten!

Jörg Schulz

3) Stellungnahme der Schachjugend Nordrhein-Westfalen zum Leistungssportpapier aus Sachsen:

So nicht!

Gegen den Rückschritt in der Jugendarbeit!

Derzeit kursieren Vorschläge, die eine Geringschätzung der Arbeit unseres Jugendverbandes, der Deutschen Schachjugend (DSJ) zeigen. Sie wurden vor einem Jahr in Sachsen von Herrn Oswald Bindrich entwickelt und sind vor wenigen Wochen der DSJ bekannt geworden. Zuvor gingen sie an den Technischen Ausschuss (TA) des Deutschen Schachbundes. Dieser hat daraus die Aufforderung oder Bitte an die DSJ abgeleitet, die Teilnehmerzahl an den Deutschen Jugendmeisterschaften U12 und U10 deutlich zu verringern.

Das Papier trägt die Bezeichnung "Vorschläge zur Verbesserung des Leistungssportgedankens im Spielbetrieb des DSJ".

Ich hielte die Bezeichnung "Vorschläge zum Raubbau am Jugendschach in Deutschland" für passender!

Die in dem Papier geäußerten Gedanken stellen die Arbeit der DSJ und auch der SJNRW, die ihr hier inhaltlich nahe steht, massiv in Frage. Sie konzentrieren das Schachspielen einzig auf den Leistungssportgedanken und lassen die anderen Facetten außer Betracht.

Auch ich unterstütze leistungswillige Jugendliche nach Kräften. Wir müssen mehr tun, um Talenten Förderung anzubieten; wir dürfen uns dem Talent nicht in den Weg stellen. Aber wir dürfen unsere gesamte Arbeit nicht dem einen Ziel unterordnen, einen Spieler mit Elo von mehr als 2700 zu fördern. Wir dürfen dies aus mehreren Gründen nicht:

Und letztlich muss man feststellen: das größte Talent, das Deutschland hervorbringen wird, wird und muss sicherlich den Rahmen der normalen Förderung sprengen. Der Verband kann hier unterstützen; Einzeltraining, Turnierteilnahmen, Sponsoring usw. im Einzelfall kann man jedoch nichts durch eine Änderung des Spielbetriebs der DSJ erreichen!

Die Fachleute sollten weiter machen in dem Bemühen, Trainingspläne zu entwickeln, Förderstrukturen aufzubauen und Turnier- und Trainingskalender mit den Jugendlichen abzusprechen. Eine persönliche Betreuung - nach einem Mentorensystem - kann helfen, Jugendlichen an den Verband zu binden und zu unterstützen. Aber die Vorschläge Sachsens bringen der Nachwuchsförderung keine Vorteile, werfen aber die Jugendarbeit zurück.

Im Detail möchte ich meine Kritik mit einzelnen Aussagen des angesprochenen Papiers untermauern:

"Schach ist eine Einzel-Sportart!"

Nein, Schach ist auch ein Mannschaftssport. Regelmäßig bringen Spieler im Team hervorragende Leistungen; das Spielen im und für das Team sind ein wichtiger Bestandteil. Ob Bundesliga oder Jugendligen - hier treffen die Besten aufeinander!

"Zur DVM: die Besten spielen auch oft nicht mit. (Forderung: Verjüngung)"

Im Schnitt sind die Deutschen Vereinsmeisterschaften sehr stark besetzt und bieten einen größeren Rundblick durch die Spitze des Jugendschachs als jedes andere Turnier. Dies gilt uneingeschränkt auch für die älteren Klassen.

"DEM: Zusammenlegung Mädchen und Jungen bei DEM U12 und U10"

Dies widerspricht belegbar dem Wunsch der Teilnehmer und Teilnehmerinnen. Und: dies führt zu einer Stagnation für die stärkeren Mädchen, wenn sie sich für die Mädchen-Gruppe entscheiden. Spielen sie hingegen bei den Jungen, ist der Gedanke einer Trennung ad absurdum geführt. Ihnen entgeht die Chance auf die Meisterschaft. Vor allem für die Mädchen, die bei den Jungen mithalten können, ist die Trennung ein Rückschritt.

Es gibt keine Grund für die Trennung von Jungen und Mädchen in diesem Alter.

"Jeder, der Open-Turniere kennt, weiß dass je nach Verhältnis Rundenzahl zu Teilnehmerzahl nur die ersten Plätze ausgespielt werden."

Stimmt. Aber auch an der Spitze entscheidet, gerade bei der U10 und U12, schon einmal das Glück. Womit man bei der Qualifikation zur WM der FIDE leben kann (Qualifikation bis in mittlere Punktränge), können wir doch wohl bei DEM auch akzeptieren. Jede Turnierform ist ein Kompromiss zwischen definitiver Bewertung der Leistung und praktikabler Austragung.

"Verringerung der Teilnehmerfelder U12 und U10 auf 36"

Hier fällt mir die Antwort umso leichter, da ich schließlich nur Passagen des Autors aus der nächsten Seite - gemünzt auf die WM und EM - zitieren muss:

"Entsendung von je 5 Jungen und vier Mädchen zur EM/WM U10 und U12 wird gemäß dem ‚Schach fördernden Prinzip' unterstützt. Dies sei ein "gesellschaftlicher Höhepunkt". Des weiteren ist eine Pyramide sinnvoll (große Teilnehmerfelder unten, kleinere in den höheren Altersklassen)."

Genau richtig, wenn man dies auf die DEM bezieht! Unterstützend möchte ich auf den immensen Motivations-Effekt hinweisen, den eine Teilnahme an der DEM für die Spieler und häufig auch für deren Umkreis hat.

Bei der WM/EM hingegen halte ich die vorgetragenen Argumente für unpassend; hier gelten eher diejenigen der Verkleinerung und "Zuspitzung auf die Spitze". Es ist ein Fehler, zu viele Spieler zu diesen internationalen Meisterschaften fahren zu lassen. Zum einen wegen der Kosten (soziale Selektion durch Eigenfinanzierung), zum anderen wegen der dadurch sinkenden Betreuungsqualität der absoluten Spitzenspieler. Und letztlich sollte man die Teilnahme hier nicht nach Zahl (z.B. die besten fünf) sondern nur nach Leistungsstärke durchführen. Wer bietet Chancen, mehr als 60% der Punkte zu holen? Die WM und EM sind nun wirklich keine Breitensportturniere.

Der Autor schließt seine Ausführungen auf denkwürdige Art:

"Diese Probleme wurden in der Leistungssportkommission des Schachverbandes Sachsen diskutiert und für Wert gehalten, in allen Verbänden der Länder nachzudenken."

Referent für Leistungssport
Sebnitz, den 4.10.2000"


Dies ist fein; nur wäre zu diesem Zweck natürlich eine Verbreitung in den Verbänden innerhalb eines kürzeren Zeitraums als 11 Monaten nützlich gewesen.

Am Ende aber stelle ich die entsetzte Frage: Warum ist die DSJ nicht im geringsten mit dem Papier befasst worden? Es dreht sich um ihren Spielbetrieb, sie hat hier die größte Kompetenz und die alleinige Entscheidungsgewalt.

Es ist in höchsten Maße ärgerlich, dass der Technische Ausschuss des Deutschen Schachbundes ein derartiges einseitiges, widersprüchliches und unabgestimmtes Papier diskutiert und eine Kernforderung daraus der DSJ zur weiteren Umsetzung übermittelt hat.

(Rainer Niermann, Vorsitzender Schachjugend NRW)


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www.Deutsche-Schachjugend.de
Verlag: JugendSchachVerlag, Partner der Deutschen Schachjugend
Redaktionsanschrift: Geschäftsstelle Deutsche Schachjugend, Jörg Schulz, Hanns-Braun-Str. Friesenhaus I, 14053 Berlin.

Das DSJ-FORUM ist das Informationsblatt der Deutschen Schachjugend. Es erscheint 10 mal im Jahr als Beilage der Zeitung JUGENDSCHACH.
DSJ-FORUM wird gefördert aus Bundesmitteln des Ministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

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© 1.98 by Gerhard Hund (TeleSchach) für die DSJ in der Deutschen Sportjugend | Update 20.12.2001