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Chessy

Bundesjugendtreffen in Dessau 1997


Jörg Schulz : "Über Pfingsten traf sich der Deutsche Jugendsport zu seinem zirka alle fünf Jahre sich wiederholendem Bundesjugendtreffen in Dessau. Lange Zeit schaute es so aus, als ob Schach mal wieder abseits stehen würde, denn trotz intensiver DSJ - Bemühungen, die Länder zur Teilnahme zu bewegen, zeigten diese kein Interesse an diesem Schaufenster des Jugendsports. Man kann sogar sagen, viele Landesschachjugenden boykottierten regelrecht das Bundesjugendtreffen.

Aber zum Glück ist es im Schach wie bei Asterix. Da gibt es umgeben von vielen Desinteressierten noch ein Häuflein Unentwegter, die sich nicht scheuen, mit Schach in die Öffentlichkeit zu gehen, die pfiffige Ideen haben und einfach Lust an Jubel, Trubel.

Diese Unentwegten aus Hamburg haben das Ansehen der Deutschen Schachjugend in Dessau gerettet. Und nicht nur das, sie haben Schach beim Bundesjugendtreffen in den Mittelpunkt gerückt, so als sei das immr so geplant gewesen.

Herzlichen Dank für dieses Engagement !

Was nun im Einzelnen alles passierte in Dessau, was alles die Daheimgebliebenen versäumt haben, lest es selbst im folgenden Artikel, den Björn Lengwenus geschrieben hat".


Schach war mittendrin !

"Die Blicke der Mitreisenden wirkten verwirrt. Vier Personen hingen über einem abgeklebten Schachbrett auf dem vier Könige, vier Läufer, vier Springer und zwölf Bauern standen. Wie sollte man auch ahnen, daß hier eine Schachabart im Zugabteil des IC Hamburg-Dessau gespielt wurde, die der Hamburger Schachjugendbund entwickelt hatte, um vor allem Nichtschachspielern in minutenschnelle das Spiel nahe zu bringen. Ja, die Reise zum Bundesjugendtreffen der Deutschen Sportjugend war eine Premiere und Testreise für das neukonzipierte Minischach - sie war aber noch viel mehr: ein PR-Gag, ein Landesaustausch, sportliche Betätigung und der pure Spaß.

Nachdem die 14köpfige Delegation aus vier Hamburger Vereinen festgestellt hatte, daß sie wohl die einzigen Schachvertreter in Dessau bleiben sollten, begann man zu überlegen, mit welchen PR-Maßnahmen Schach in Dessau auf sich aufmerksam machen könnte. Wir entschlossen uns einen offensiven Weg zu gehen und stellten die Reise unter das Motto: "Mittendrin statt nur dabei".

Doch dafür mußten wir eine ganze Menge Hürden überspringen. Im Vorfelde war es einfach unmöglich gewesen, verbindlichen Kontakt mit dem Organisationsbüro aufzunehmen, so daß wir uns vor Ort unsere Materialien beschaffen mußten. Wir verhandelten mit Restaurantbesitzern um Tische und Bänke, konfiszierten Stellwände bei anderen Verbänden und besetzten früh morgens Stellflächen. Wir suchten uns immer den zentralsten Ort der Veranstaltungen. Beim Stadionfest trugen wir unseren Stand aus den zugewiesenen Katakomben direkt neben eine Hüpfburg, den Bierkistenweltrekordversuch und einen Mitmachzirkus. Beim Marktplatztag errichteten wir unser Lager direkt am Hauptspielfeld des Streetsoccerturniers und damit zugleich in dessen Schußlinie.

So war uns nicht nur die massige Laufkundschaft, sondern auch ein Platz auf allen Photos der Aktionen sicher. Und in der Tat war unser Stand immer gut gefüllt und die Penetranz unserer Anwesenheit trug Früchte: schon am ersten Tag schmückte unser Stand das Titelbild der Zeitung "flash" des Bundesjugendtreffens. Ein Erfolg den wir ausweiten wollten. Jede Mitmachaktion wurde von uns besucht und so waren die "Hamburger Schacher" mit ihren eigens entworfenen Schach-T-Shirts schon bald bekannt wie bunte Hunde.

Beim Uni-Hoc (ein Mini-Hockey in Plastikausführung) galten wir als unschlagbar, der härteste Schuß des Bundesjugendtreffens behielt über die gesamte Zeit unser aller Nils ("Leute hergehört, wer schlägt den Hamburger Schachspieler Nils, der mit 104 Stundenkilometern eine echte Marke gesetzt hat?"), wir belegten die ersten drei Plätze des Fußball-Tennis-Turniers (Ball über die Schnur mit Füßen) und Christian bewies bei seinem ersten Bogenschießwettbewerb, daß auch Schachspieler treffsicher sein können und traf glatt fünfmal ins Schwarze.

Aber auch Aktionen, die eigentlich nicht für uns gedacht waren, waren vor uns nicht sicher.

Wir überredeten den Turnierleiter des Streetsoccerturniers die Pausenspiele bestreiten zu dürfen, wobei stets unser Anfeuerungsruf über den Platz hallte:

" eff drei - eee sechs - geh vier - Daaaameeeee - haaaaaaa vier - Schachmatt ! "

Selbst beim Städtevergleich im Omnibusziehen, der eigentlich zwischen Halle, Magdeburg und Dessau ausgetragen werden sollte, durften wir mitmachen und unterlagen nur deshalb dem Deutschen Ruderbund, weil der Artikelschreiber einen Meter vor der Ziellinie stolperte. Aber 19 Sekunden für 40 Meter Omnibusziehen lobte das Dessauer Lokalblatt, seien für einen Schachjugendbund trotzdem wohl noch eine beachtliche Leistung.

Auch René Tretschok, groß angekündigter "Bundesligaprofi" und Sohn der Stadt, wird sich sicherlich noch an uns erinnern, mußte er uns doch kein Autogramm geben, sondern erhielt statt dessen ein signiertes Schachbrett von uns. Völlig überrascht ließ er dieses Brett auch nicht mehr los, und so prangt auf allen Fotos dieser Autogrammstunde ein René Tretschok mit Schachbrett unterm Arm. Zu guter letzt spielte er sogar noch eine Kurzpartie an unserem Stand, sein 1. Sh3 ging schon als "Tretschok - Dessau - Variante" in unser Eröffnungswissen über.

Wir waren also wirklich mittendrin,

-- mittendrin --

in diesem gigantischen Treffen, das sicherlich noch den einen oder anderen Mehrteilnehmer vertragen hätte - und das nicht nur vom Schach! 15.000 waren vor sechs Jahren in Ratzeburg dabei gewesen. Auf rund 1.500 schätzten die Organisatoren die Teilnehmerzahl in Dessau diesmal, vielleicht waren es sogar noch ein paar weniger, zu wenig jedenfalls für so ein geniales Ereignis, aber noch wahrlich genügend, um wirklich verdammt viel Spaß zu haben.

Und als wir 14 am letzten Abend, mit Menschen aller Sportarten und Landstrichen, Arm in Arm freudestrunken zu den Klängen von "Time to say goodbye" über den Desauer Marktplatz tanzten, wurde uns klar, daß alle Daheimgebliebenen verdammt viel falsch gemacht hatten."

Björn Lengwenus
(Hamburger Schachjugendbund)


Jörg Schulz

( 26. Mai 1997 )

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